Hafenstory4 – Jonny H.

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DIE ENTWICKLUNG GEHT WEITER // 50 JAHRE IM HAFEN

Strukturwandel im Hamburger Hafen - Teil 4

Eine lütte Rekonstruktion eines Arbeits-Lebens von den 50er Jahren bis zu den 2000ern als Schlepper- und Barkassenfahrer im Hamburger Hafen.

Fotografien sind immer Fenster zu Geschichten vergangener Tage. Ab dem Moment indem sie geschossen werden. Wie folgendes: Anfang 2024 gelange ich auf einem Flohmarkt an einen Fundus Privatbilder aus einem Berufsleben im Hamburger Hafen. Auf einem Bild aus diesem Haufen an Hunderten sieht man ein kleines dreieckiges Zelt im Wald. Es ist warm und die Sonne scheint. Zwei Jugendliche, ungefähr 18 Jahre alt, sitzen davor und blicken uns an. Jeweils einen Teller -es könnte Kartoffelbrei mit Würstchenstückchen sein- in der Hand. An der vorderen Schnur des Zeltes trocknet ein Handtuch. Links am Baum lehnt ein Fahrrad, davor eine Kiste mit einem Papagei im Logo. Eine Firma für Lacke und Farben, 1888 in Hamburg gegründet, 1965 an BASF verkauft. Rechts am Zeltrand schauen uns noch die Füße von einem Dritten entgegen. Der Junge links ist Jonny, er trägt eine Uhr. Der Look des Schutzbleches des Fahrrads und die Art des Zeltes verraten uns, es muss irgendwann in den 50er sein.

John Harmstorf´s Leben galt dem Hafen und der Schifffahrt. Volle 50 Jahre arbeitete er als Schlepper- und Barkassenfahrer auf dem Fährwasser der Elbe. Der Hafen war sein Leben. Es war nicht die Seefahrt, wie bei seinem Bruder, dem Ingenieur Assistenten und Maschinisten, nicht die große Reise, es war schlicht der Hamburger Hafen. Sein Bruder Richard J. Harmstorf geboren am 16. Mai 1937 ebenfalls in Hamburg-Altona. Er fuhr auf Schiffen wie die „Nobistor“ um die ganze Welt. Am 24. März 1957 erhielt er seine „Äquatortaufe“, das erste Mal, wenn ein Seemann diese Linie überschreitet. Er war verheiratet, aber wurde wieder geschieden. 2007 verstarb er und wurde auf der Ostsee bestattet.

Die meiste Zeit war John Harmstorf für das Amt für Strom und Hafenbau tätig. Bereits 1962 wurde er Schiffsführer und fuhr als erstes die „Tiger“ für ein Jahr. Der Schlepper ist heute ein Museumsschiff. Neun Jahre fuhr er dann auf der „Erna“.

 

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Sein Vater John Karl Julius Harmstorf war Maschinist und Schiffsführer ebenfalls auf einem Schlepper unter anderem fuhr er auch auf der "Tiger", gebaut von der Reederei Hinrich Steffen. Er starb früh als John erst drei Jahre alt war bei einem Arbeitsunfall, ein Kran hielt dem Gewicht nicht stand. Wie alt er genau geworden ist konnte ich nicht rekonstruieren. Seine Mutter Agnes Martha Johanna Harmstorf geborene Seider am 31.07.1917 wurde 101 Jahre alt und erhielt -wie es üblich dafür ist- eine Urkunde, einmal noch -zum 100. Geburtstag- vom damaligen Bürgermeister und Bundeskanzler a.D. Olaf Scholz. Sie verstarb im Sommer 2018 und wurde im Waldfriedhof Volksdorf anonym begraben.

John Harmstorf, von allen Jonny genannt, wurde im Oktober 1938 in Altona geboren und ging in der Luisenstraße zur Schule. Seine langjährigen Freunde lernte er früh kennen. Die Väter kannten sich schon aus dem Hafen. Wie sollte es anders sein. In einem Radio-Interview über Jonnys Arbeits-Leben und die Veränderungen im Hafen für das sogenannte „Hamburger Hafenkonzert“, übrigens die älteste Radiosendung der Welt, befragt der NDR 90,3 Redakteur Gerd Spiekermann seine Freunde auf Platt. In dem Gespräch sagt Jonny´s Freund Harald an einer Stelle: „Wat willste machn, die Entwichklung gejt weider.“

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Mit 16 Jahren machte er seine Ausbildung zum Barkassenfahrer bei der Firma „Jörn&Steffens“, er lernte noch auf Dampfschiffen. Als Jugendlicher und junger Erwachsener machte er oft Urlaub mit seinen Freunden in Mölln und am Pipersee in Schleswig-Holstein, zelten, Bier trinken und Quatsch machen.

Wie kaum ein anderer Mensch muss er den stetigen Wandel im Hafen live vor seinen Augen beobachtet haben können. Erst noch das Stückgut und die Massen an Arbeiter, die in die Werften und zu den Reedereien gebracht werden mussten. Die zahlreichen Kräne, die dann immer weniger wurden. Ende der fünfziger Jahre wanderte der Schwerpunkt des Hafens aufgrund des neuen Containerumschlags elbabwärts. Das Hafengebiet war durch den Krieg der Nazis bis zu 80% zerstört. Erst 1956 war der Wiederaufbau abgeschlossen.
Er sah die Aufstellung der ersten Containerbrücke 1968 am Burchardkai. Dann die immer größer werdenden Containerschiffe und die dazugehörigen Containerbrücken. Immer weniger Arbeiter, immer mehr Maschinen. Der Bau der Köhlbrandbrücke 1974 um dem zugenommenen Verkehr an LKWs Herr zu werden. 1977 wurde das Containerterminal Tollerort errichtet. Altenwerder, damals zum Teil noch bewohnt, wurde 1998 trotz Protesten endgültig geräumt und 2002 auf dem Gebiet ein weiteres Containerterminal gebaut; das "CTA" gilt heute als Eines der modernsten weltweit.

Der Wandel der Zeit im Spiegel der Ausweise. Ausstellungsdaten von 1953 bis 1998.

Fotostempel auf Rand: Ing.-Büro Herbert Thura VDI
Rückseite: (C) Foto: Jürgen H. Klebe
Februar 1985, die "Rugenbergen", Baujahr 1951, Dieselmotor 170 PS
Februar 1985, die "Rugenbergen", Baujahr 1951, Dieselmotor 170 PS

Von 1963 bis ´69 schipperte er die Hafenarbeiter von Blohm+Voss über die Wasserstraße. Die sogenannte „dritte Schicht“ beging der St. Pauli Fan mit seinen Freunden und Arbeitskollegen oft in der Haifischbar, der Schellfischbar oder dem Störtebeker bei einem Bier oder auch zwei. Der leidenschaftliche Modellbauer von Schiffen, mit einer „HH bleibt bunt“ Fahne im Garten läutete bei jedem Tor von seinem Verein eine Schiffs-Glocke.

Sommerfest bei Fröhlich 2018, Jonny mit seiner Mutter, kurz vor ihrem Tod
Sommerfest bei Fröhlich 2018, Jonny mit seiner Mutter, kurz vor ihrem Tod

Einer, der nie einen Praktikanten hatte, im Laufe der Zeit eher ein Einzelgänger. Über die große Liebe ist nichts bekannt. Frei war er auf seinem Schiff und beim Modellbau. Ganze 23 Jahre fuhr die Barkasse „Rugenbergen“. Im Jahr 2006 betrat er sie ein letztes Mal, danach wurde das Schiff verkauft und nach Berlin überführt. Von 1953 bis zur Rente 2003 war er im Hafen unterwegs. Der NDR drehte damals einen kleinen Beitrag über ihn zu seinem Abschied aus dem Berufsleben. Wie bei vielen anderen Hafenarbeitern auch ging die Leidenschaft über den Job hinaus. Die meiste Zeit seiner Rente verbrachte er mit dem Bau von Modellschiffen und gelegentlichen besuchen im Hafen, um mit seinen verbliebenen Freunden ankommende Schiffe zu begrüßen.

Das beschriebene Bild vom Anfang ist aus einem Urlaub in Mölln im Jahre 1957.
Wie Fotos Fenster zu Geschichten vergangener Tage sind, war das Leben von John Harmstorf ein Blick in den stetigen Strukturwandel im Hamburger Hafen. Ein Hamburger Original eben, wie wir so zu sagen pflegen. Am 25.05.2023 dachte er ein letztes Mal an seinen Hafen und den Trubel dort. Er wurde wie seine Mutter ebenfalls auf dem Waldfriedhof Volksdorf anonym bestattet.

Mölln 1957, John Harmstorf links
Mölln 1957, John Harmstorf links

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Fotocredit: Privat, John Harmstorf, unbekannt / Courtesy NIDE ACHIVE; Dieter Gottschalk,
Wolfgang + Sabine Fuchs

Vielen Dank für die Unterstützung bei der Recherche Hans-Jürgen Schimmeck!